Weibliche Muse, männlicher Autor: Der maskuline Kreativitätsmythos?

Weibliche Muse, männlicher Autor: Der maskuline Kreativitätsmythos?

  • On April 13, 2015
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To be pointed at — to be noticed and commented upon — to be suspected of literary airs — to be shunned as literary women are, by the more unpretending of my own sex and abhorred as literary women are by the more pretending of the other! – My dear, I would sooner exhibit as a rope dancer.  Mary Brunton Emmeline (1819)

 

Frauen in der Vergangeheit, die aktiv schreiben? Eher weniger. Insbesondere seit der Romantik, also dem Ende des 18. Jahrhunderts, hat sich das Bild vom schreibenen Genie vor allem auf männliche Kollegen der Kunst beschränkt. Frauen galten (oder gelten?) eher als Muse, als Ideengeberin, als Unterstützung, sind also eher passiv. Eine aktive, schaffende Rolle nehmen sie vor allem in herrschenden Geniediskursen weniger ein. Warum? Dem bin ich ein bißchen auf den Grund gegangen. Die exklusive männliche Konnotation des Geniediskurses liegt in mehreren soziokulturellen wie mentalitätsgeschichtlichen Faktoren begründet. So vollzieht sich nach Thomas Laqueur im Verlauf der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Paradigmenwechsel in der Konzeption von Geschlechterdifferenzen. Das sogenannte Ein-Geschlecht-Modell wird zugunsten eines Zwei-Geschlechter-Modells aufgegeben: Die Frau wird nicht mehr wie in der Frühen Neuzeit als die ‚defizitäre‘ Version des Mannes und damit als der schwächere, passivere Mensch begriffen (vgl. Schabert und Schaff 1994, 12). Mann und Frau werden nun im Zuge der aufklärerischen Logik sowohl in biologischer Hinsicht als auch in Bezug auf ihre soziokulturelle Geschlechtsidentität in binären Oppositionen gedacht. Weiblichkeit erscheint als dem Männlichen direkt entgegengesetzt (vgl. Schabert 1997, 362). Dieser Entwicklung zuträglich ist als Folge der Industrialisierung eine genderspezifische Ausdifferenzierung der öffentlichen und privaten Sphäre. Die dichotome Geschlechterordnung schreibt sich von nun an tendenziell in einer Verdrängung des Weiblichen in die private Sphäre fort, während das öffentliche Erwerbsleben als männlich-konnotiert gilt (vgl. Schabert und Schaff 1994, 12). Die Ideologie der getrennten Sphären vermittelt die neuen Geschlechtskonstrukte als naturgegebene und zeitlose Selbstverständlichkeiten, also dass es „normal“ sei als Frau das Haus zu hüten und als Mann arbeiten zu gehen.

Auch der literarische Raum wird „mit seinen Gattungen, Themen, Schreibstilen in zwei – sehr ungleiche – Sphären aufgeteilt“ (Schabert 1997, 336). In dieser dichotomen Geschlechterwelt ist das Publizieren von Literatur als öffentlicher Akt allein dem männlichen Autor vorbehalten: „Die Frau hat kein Daseinsrecht mehr in der republic of letters“ (Schabert 1997, 364). Die Leitbegriffe des romantischen Autorenkonzeptes wie Imagination, Originalität und Schöpfungskraft werden als ausschließlich männliche Privilegien aufgefasst (vgl. Schabert und Schaff 1994, 13). Frauen steht dahingegen nur die Aneignung der passiv-konnotierten Rollen der Muse, des Modells oder der Rezipientin offen.[1] Zudem bleibt den Frauen allenfalls ein Schreiben reserviert, das „gefällig, feinsinnig, dekorativ oder auch tröstend und moralisch-erbaulich ist und damit weiblichen Attributen entspricht“ (Schabert 1997, 365). Nur der Roman in seiner Funktion harmloser Unterhaltung gilt zu der Zeit als weibliche literarische Ausdrucksform. Es entsteht die Vorstellung von ‚Frauenliteratur‘ als einer spezifischen Kategorie; die literarische Sphärentrennung wird endgültig implementiert: „In der nachaufklärerischen Zeit rekonsolidiert sich die kulturelle Ordnung; der Mann versichert sich aufs Neue seiner Subjektposition gegenüber der Frau als Objekt. Im Bereich der Literatur ist er der Schreibende, sie die Beschriebene. Dies gilt trotz, wenn nicht gar wegen der Tatsache weiblicher Autorschaft.“ (eigene Hervorhebungen; Schabert 1997, 373)

Sofern Frauen doch zur Schreibfeder greifen, gilt deren Schreiben als Überschreitung geschlechtsspezifischer Normen und daher als Bedrohung und Gefahr (f+ür eine patriarchale Ordnung). Wie das eingangs aufgeführte Zitate zeigt, bedeutet für Mary Brunton das Publizieren von literarischen Werken im Jahre 1819 das Risiko nicht nur zum öffentlichen Spektakel zu werden, sondern auch zum negativen Stereotyp einer ‚public woman‘ reduziert zu werden (eine Seiltänzerin war nahezu mit einer Prostituierten vergleichbar) (vgl. Eger et al. 2001, 2). Um sich diesem Ruf des Unschicklichen zu entziehen, bleibt den Frauen oftmals nur die Möglichkeit, anonym ihre Werke zu veröffentlichen (wie etwa berühmtes Beispiel die Bronte-Schwestern) und ihren Brüdern bzw. Vätern die Verhandlungen mit den Verlegern anzuvertrauen (vgl. Schabert 1997, 364). Diese dichotomischen Geschlechtskonstruktionen behalten auch im Viktorianischen Zeitalter im gesellschaftlichen und literarischen Bereich ihre Gültigkeit. So verkündet etwa Robert Southey im Jahre 1837 in einem Brief an Charlotte Brontë: „Literature cannot be the business of a woman’s life, and it ought not to be.”

 

[1] Zum sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Hintergrund dieser Dichtomisierung der Schreibwelt vgl. Jane Spencer The Rise of the Woman Novelist (1986), Janet Todd The Sign of an Angellica. Women, Writing and Fiction 1660 – 1800 (1989) oder Elizabeth Eger et al (Hgg.) Women, Writing and the Public Sphere, 1700 – 1830 (2001).

[2] Hierbei ist anzumerken, dass wie Wolfreys schreibt, Ideologien die patriarchale Ordnung nicht nur affirmieren müssen, sondern sich ihr auch potentiell widersetzen könnten.

  • republic of letters“ (Schabert 1997, 364). Die Leitbegriffe des romantischen Autorenkonzeptes wie Imagination, Originalität und Schöpfungskraft werden als ausschließlich männliche Privilegien aufgefasst (vgl. Schabert und Schaff 1994, 13). Frauen steht dahingegen nur die Aneignung der passiv-konnotierten Rollen der Muse, des Modells oder der Rezipientin offen.[1] Zudem bleibt den Frauen allenfalls ein Schreiben reserviert, das „gefällig, feinsinnig, dekorativ oder auch tröstend und moralisch-erbaulich ist und damit weiblichen Attributen entspricht“ (Schabert 1997, 365). Nur der Roman in seiner Funktion harmloser Unterhaltung gilt zu der Zeit als weibliche literarische Ausdrucksform. Es entsteht die Vorstellung von ‚Frauenliteratur‘ als einer spezifischen Kategorie; die literarische Sphärentrennung wird endgültig implementiert: "In der nachaufklärerischen Zeit rekonsolidiert sich die kulturelle Ordnung; der Mann versichert sich aufs Neue seiner Subjektposition gegenüber der Frau als Objekt. Im Bereich der Literatur ist er der Schreibende, sie die Beschriebene. Dies gilt trotz, wenn nicht gar wegen der Tatsache weiblicher Autorschaft." (eigene Hervorhebungen; Schabert 1997, 373) Sofern Frauen doch zur Schreibfeder greifen, gilt deren Schreiben als Überschreitung geschlechtsspezifischer Normen und daher als Bedrohung und Gefahr (f+ür eine patriarchale Ordnung). Wie das eingangs aufgeführte Zitate zeigt, bedeutet für Mary Brunton das Publizieren von literarischen Werken im Jahre 1819 das Risiko nicht nur zum öffentlichen Spektakel zu werden, sondern auch zum negativen Stereotyp einer ‚public woman‘ reduziert zu werden (eine Seiltänzerin war nahezu mit einer Prostituierten vergleichbar) (vgl. Eger et al. 2001, 2). Um sich diesem Ruf des Unschicklichen zu entziehen, bleibt den Frauen oftmals nur die Möglichkeit, anonym ihre Werke zu veröffentlichen (wie etwa berühmtes Beispiel die Bronte-Schwestern) und ihren Brüdern bzw. Vätern die Verhandlungen mit den Verlegern anzuvertrauen (vgl. Schabert 1997, 364). Diese dichotomischen Geschlechtskonstruktionen behalten auch im Viktorianischen Zeitalter im gesellschaftlichen und literarischen Bereich ihre Gültigkeit. So verkündet etwa Robert Southey im Jahre 1837 in einem Brief an Charlotte Brontë: „Literature cannot be the business of a woman’s life, and it ought not to be.”   [1] Zum sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Hintergrund dieser Dichtomisierung der Schreibwelt vgl. Jane Spencer The Rise of the Woman Novelist (1986), Janet Todd The Sign of an Angellica. Women, Writing and Fiction 1660 – 1800 (1989) oder Elizabeth Eger et al (Hgg.) Women, Writing and the Public Sphere, 1700 – 1830 (2001). [2] Hierbei ist anzumerken, dass wie Wolfreys schreibt, Ideologien die patriarchale Ordnung nicht nur affirmieren müssen, sondern sich ihr auch potentiell widersetzen könnten." target="_blank">

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